Hann Trier


Photo Dietmar Schneider, Köln  Übermalung mit Tusche Hann Trier
Photo Dietmar Schneider, Köln Übermalung mit Tusche Hann Trier

vita


Kindheit, Ausbildung und frühe Prägungen
1915–1939
· Geboren am 1. August 1915 in Kaiserswerth bei Düsseldorf, aufgewachsen in Köln
· Frühe Auseinandersetzung mit Kunst und Literatur; Austauschaufenthalt in Frankreich 1933
· 1934–1938 Studium an der Kunstakademie Düsseldorf, intensive Beschäftigung mit Maltechniken der Alten Meister, insbesondere Tempera
· 1939 Staatsexamen in Berlin

 

Krieg, Neubeginn und künstlerische Orientierung
1939–1951
· Militärdienst 1939–1941 und 1944–1945; zwischenzeitlich Tätigkeit als technischer Zeichner in Berlin
· Nach 1945 Bühnenbildner in Nordhausen, anschließend Rückkehr ins Rheinland
· 1946–1952 Atelier und Wohnung auf Burg Bornheim bei Bonn
· 1947 Mitbegründer der Donnerstag-Gesellschaft in Alfter, eines Diskussions- und Ausstellungsforums zur geistigen und künstlerischen Neuorientierung nach dem Krieg
· 1948/49 Mitgründer der Neuen Rheinischen Sezession, 1949 Mitglied der Künstlergruppe Bonn
· 1951 Mitglied der Künstlergruppe ZEN 49 und Aufnahme in den Deutschen Künstlerbund

 

Internationale Erfahrungen und stilistische Formung
1952–1956
· 1952–1955 Aufenthalt in Medellín (Kolumbien), Tätigkeit als Werbegrafiker; Reisen nach Mexiko, Südamerika und New York
· Eindrücke von Rhythmus, Bewegung und gestischer Ausdruckskraft prägen die Malerei nachhaltig
· Entwicklung eines zunehmend ungegenständlichen, gestisch bestimmten Formvokabulars
· 1955 Gastdozent an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg
· Teilnahme an der documenta 1 sowie später an der documenta II und documenta III

 

Professur, internationale Anerkennung und künstlerische Reife
1957–1980
· 1957 Berufung als Professor an die Hochschule für bildende Künste in Berlin, später Direktor; zahlreiche bedeutende Schüler, darunter Georg Baselitz
· Ausbau der charakteristischen beidhändigen Malweise: simultanes Arbeiten mit beiden Händen und choreografisch geführter Pinselduktus
· Zahlreiche Kunstpreise, u. a. Berliner Kunstpreis (1966) und Großer Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen (1967)
· Ab 1967 zusätzliches Atelier in der Toskana; intensive Reisetätigkeit
· 1972–1974 Ausführung bedeutender Deckenmalereien im Schloss Charlottenburg
· Zunehmende Arbeit im Bereich Kunst am Bau und monumentaler Raumgestaltungen

 

 

Spätes Werk, Auszeichnungen und letzte Jahre
1980–1999
· Weiterentwicklung der Malerei hin zu stärkerer räumlicher Wirkung und ausgewogener Komposition zwischen gestischem Impuls und kalkulierter Struktur
· Bedeutende Arbeiten im öffentlichen Raum, u. a. in Universitäten, historischen Gebäuden und diplomatischen Residenzen
· 1975 Großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland, 1989 Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen
· 1996 Gründung der Kunststiftung Hann Trier in Bonn
· Gestorben am 14. Juni 1999 in Castiglione della Pescaia (Toskana), Beisetzung in Köln

   

Werk


Das Œuvre Hann Triers gehört zu den bedeutenden Positionen des deutschen Informel und der abstrakten Malerei der Nachkriegszeit. Ausgangspunkt war zunächst die Auseinandersetzung mit dem Kubismus und der französischen Moderne, insbesondere mit der Formauflösung und dynamischen Struktur bei Pablo Picasso.

In den späten 1940er und frühen 1950er Jahren entwickelte Trier eine unverwechselbare Bildsprache, in der Linie, Rhythmus und Bewegung zentrale Bedeutung erhielten. Charakteristisch ist ein netzartiger, organisch wirkender Aufbau der Komposition, in dem Linien wie frei gesetzte Zeichen den Bildraum durchziehen. Diese Linien sind nicht tastend, sondern entschieden und rhythmisch gesetzt; sie erzeugen eine Spannung zwischen spontaner Geste und struktureller Ordnung.

Eine besondere Rolle spielt die beidhändige Malweise, die zu einer inneren Symmetrie und einem nahezu musikalischen Bewegungsfluss der Kompositionen führt. Malerei wurde bei Trier zu einem performativen Akt, bei dem der Prozess des Entstehens ebenso wichtig war wie das Resultat.

Die Reisen nach Südamerika verstärkten die Dynamik und Farbigkeit seines Werkes; rhythmische Impulse, Bewegungsabläufe und eine gesteigerte Sensibilität für Farbklänge prägten die Kunstwerke dieser Jahre. Seit den 1960er Jahren treten zunehmend helle, leuchtende Farbflächen auf, oft vor lichtem Grund, und verweisen auf seine intensive Beschäftigung mit Wand- und Deckenmalerei sowie barocken Raumillusionen.

In den großen Raumgestaltungen verband Trier informelle Gestik mit architektonischem Denken. Seine Kunstwerke integrieren sich in den Raum, ohne ihre malerische Autonomie zu verlieren, und erzeugen eine Spannung zwischen Bewegung, Licht und räumlicher Wahrnehmung.

Das Spätwerk zeigt schließlich eine stärkere Balance zwischen spontaner Geste und kompositorischer Kalkulation. Die expressive Dynamik bleibt erhalten, wird jedoch von einer bewussteren Ordnung der Farb- und Formbeziehungen getragen.

 

Innerhalb der deutschen Nachkriegskunst nimmt Hann Trier damit eine Schlüsselstellung ein: als Vermittler zwischen europäischer Avantgarde, informeller Malerei und einer eigenständigen, gestisch-rhythmischen Bildsprache, die Malerei als energetischen, raumgreifenden Prozess versteht.

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